Thursday, October 8, 2009

Unter Bauern - Die Premieren


Heute ist der offizielle Kinostart von "Unter Bauern", doch es gab bereits zwei Premieren. Gestern die glanzvolle in Muenster, zu der u.a. meine Eltern gingen und von der die WN hier berichtet, und hier noch ein kurzer Videoclip.
Vor der Premiere in Muenster gab es noch die in Jerusalem, von der Ulrich Sahm auf der Hagalil Website berichtete (das hier benutzte Foto ist auch von ihm).
In der Cinematheque war letzte Woche unter den Zuschauern auch jemand aus Muenster, meine alte Freundin Sivan, die ich letztes Jahr waehrend meines Kurzaufenthaltes in Israel nach mehr als zehn Jahren wiedersah. Sivan hat ihre Eindruecke fuer das Zeitung der juedischen Gemeinde Muenster niedergeschrieben, und mir erlaubt, sie hier ebenfalls zu veroeffentlichen.


Marga Spiegel – eine besondere Frau
Die Verfilmung ihres Überlebens "Unter Bauern" – Premiere in Jerusalem

von Sivan Schächter

In Münster geboren und aufgewachsen bin ich mit der kleinen jüdischen Gemeinde eng verbunden. In der Zeit meiner Kindheit und Jugend, d.h. in den 70er und 80er Jahren zählte die Gemeinde um die 100 Mitglieder, eine kleine Gemeinschaft, in der jeder jeden kannte.

Unter den Mitgliedern war und ist auch Marga Spiegel, die mit meinen Kindheitserinnerungen in der Gemeinde, den Gottesdiensten und den Feiern im Gemeindesaal eng verknüpft ist. Sie war für mich als Kind eine herzliche und ältere Dame. Sie war stets ein Lady, tiptop angezogen, die Haare immer schön hochgesteckt, und sie strahlte vor allem Stärke und Lebensmut aus. Heute, im Nachhinein, muß man sie ja eigentlich noch als jung bezeichnen, obwohl sie damals schon in ihren 70ern war. Man mag es kaum glauben, aber heute ist Marga 97 Jahre alt und sieht immer noch genauso aus wie damals.

Ich lebe nun seit vielen Jahren nicht mehr in Münster, aber wenn ich ein bis zwei Mal im Jahr zu Besuch komme, erkenne ich die Gemeinde nicht wieder. Sie besteht jetzt zum größten Teil aus neuen Mitglieder, die seit 1989 aus der ehemaligen Sowjetunion zugezogen sind. Ich glaube, es sind leider wirklich alle älteren Mitglieder aus der Gemeinde verstorben. Während ich mich so in der Synagoge umblicke, taucht jedoch meist irgendwann Marga Spiegel auf. Und sie hat sich nicht verändert.

Irgendwann in meiner Jugend habe ich von ihrem Leben erfahren und meine Mutter gab mir ihr Buch zum Lesen. Es war für mich unfassbar: Da hatte diese Frau doch tatsächlich den Holocaust im Münsterland überlebt und das als erwachsene Frau mit Mann und Kind!

Als ich dann nach meinem Studium im Jüdischen Museum und am Denkmal für die ermordeten Juden Deutschlands in Berlin tätig war, habe ich ihre Lebensgeschichte oft erzählt. Dabei habe ich mir oft mir gewünscht, dass ihre Geschichte bekannter sei.

Letzte Woche nun, am 30. September 2009, war in Jerusalem die Premiere des Filmes "Unter Bauern – Retter in der Nacht", der die wundersame Geschichte des Überlebens von Marga Spiegel, ihres Mannes Siegmunds "Menne" und ihrer Tochter Karin erzählt. Aufgeregt ging ich zur Cinemathek, um beim Empfang dabei zu sein. Ich traf auf Marga Spiegel, die mit einem Lächeln in die blitzenden Kameras blickte, die sich um sie scharrten und sie keine Sekunde "aus der Linse" ließen. Marga war berühmt geworden!

Ich war und bin überglücklich darüber. Zum einen, da nun endlich ihre Geschichte bekannt wird, und zum anderen, weil dies zu ihren Lebzeiten geschieht, sie es selbst noch erleben und bezeugen kann: Ja, so war es!

Außerdem traf ich bei dem Empfang Lia Hoensbroech, die damals so wie ich eines der vielleicht 7-8 Kinder der jüdischen Gemeinde Münster war, und die nun im Film die Tochter der Retterfamilie, Anni Richter, darstellt. Anni Richter war ebenfalls mit in Jerusalem, Marga stellte sie mir sofort vor. Sie ist die einzige, die von den fünf Retterfamilien noch am Leben ist.

Der Film begann in einem voll ausgebuchten Saal. Ich war vom Film tief bewegt, fühlte mich - ich traue es mich kaum zu sagen – wie zu Hause: Der Film spielt im Münsterland, meiner Heimat, mit Lia in der Besetzung. Alles war mir wohl vertraut.

Am Ende des Filmes sieht man Marga selbst auf der Leinwand und es erscheint geschrieben:

"Von 98 Ahlener Juden haben nur drei überlebt."

Marga, ihr Mann Menne und ihre Tochter Karin.

Das war für mich der Moment, wo ich in Tränen ausbrach und erkannte, dass es den Leuten um mich herum genauso ging.

Das Licht ging an und Marga wurde unter tosendem Beifall zusammen mit der bekannten Schauspielerin Veronica Ferres, die Marga im Film spielt, auf die Bühne gebeten. Beide standen am Bühnenrand und weinten. Die Zeit schien stillzustehen, es waren Minuten, in denen die beiden weinten und der halbe, wenn nicht der ganze Saal mit ihnen weinte und nicht aufhörte, Beifall zu klatschen.

Schließlich kamen sie auf die Bühne und Marga bedankte sich weinend bei allen am Film Beteiligten. Sie sagte, dass es ihr ein Herzenswunsch war, dass der Film zuerst in Israel gezeigt werde, bevor er nach Deutschland käme. Besonders an einen ihrer an die Zuschauer gerichteten Sätze werde ich mich immer erinnern:

Für Sie ist es ein Film, für mich ist es mein Leben.

Danach sprach Veronica Ferres. Unter Tränen erzählte sie von ihrem Wunsch, Marga im Film darzustellen und von ihrer ersten Begegnung mit ihr. Sie hatte Angst gehabt eine verbitterte Frau vorzufinden, aber Marga hatte sie mit ihrer Herzlichkeit, Freude und Stärke tief berührt. Sie erzählte, wie eine Freundschaft entstanden war und wie sehr Marga ihr Leben bereichere. Und sie sprach davon, dass sie sich schäme, Deutsche zu sein und dass es für sie das Größte sei, als Schauspielerin ihr "Instrument" zur Verfügung stellen zu können, um eine so besondere Frau zu verkörpern und Margas Lebensgeschichte publik zu machen. Immer wieder weinte sie und konnte kaum weitersprechen und mit ihr weinten ich und das Publikum.

Es war für mich ein bewegender und unvergesslicher Abend. Ein Abend über eine besondere Frau und über einige wenige besondere Familien, die Mut und Stärke bewiesen und Marga, Menne und Karin retteten.

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